Kritiken und Berichte 2009

Hannoversche Allgemeine Zeitung

 

Einladung zum Tanz

 

Junge Philharmoniker begeistern beim NDR

Von André Mumot

Es ist gewiss keine schlechte Idee, anlässlich des Jubiläums zum Anfang zurückzukehren. 1989 war Beethovens 7. Sinfonie das erste Konzertstück, das vom neu gegründeten Jungen Philharmonischen Orchester Niedersachsens (JPON) aufgeführt wurde. Zwanzig Jahre später steht es nun wieder auf dem Programm, wirbelt stürmisch voran, schlägt Funken und reißt mit.
 
Dieser bemerkenswerte Nachwuchsklangkörper besteht aus Landes- und Bundespreisträgern von „Jugend musiziert“, von denen die meisten an Musikhochschulen studieren, und zeigt seine hoch ambitionierte Spielkultur gern an großen sinfonischen Brocken. Zum Jubiläum ist das Orchester in den Großen Sendesaal des NDR gezogen und entlädt dort nicht nur Beethovens „Apotheose des Tanzes“, sondern gleich ein ganzes Programm rund um rhythmische Bewegung. Allerdings scheint der melancholisch umflorte, herrlich elegant genommene strausssche „Kaiserwalzer“ nur deshalb ausgewählt worden zu sein, um den anschließenden brachialen Einbruch der Moderne umso effektvoller entfesseln zu können. Strawinskys „Sacre du Printemps“ verlangt den Musikern Enormes ab und wird zum durchschlagenden Erfolg, zur schonungslosen und zugleich diszipliniert durchgestalteten Entfaltung vorwärtsdrängender Aggression und hitziger Verzweiflungsschreie. Andreas Schüller, Kapellmeister an der Wiener Volksoper, hält den gewaltigen Apparat hervorragend zusammen und bringt auch noch seine Erfahrung als Chorleiter bei den Salzburger Festspielen mit ein, wenn er das JPON als Zugabe das Finale von Rossinis „Wilhelm Tell“-Ouvertüre nicht nur hingebungsvoll spielen, sondern auch singen lässt. Angesichts solch geballter Musikalität kennt dann auch das Publikum kein Halten mehr und bricht in wohlverdienten Jubel aus. -


Nordwest-Zeitung

Ein Triumph jugendlicher Meisterschaft

 

Junges Philharmonisches Orchester im Gymnasium Westerstede

Von Kerstin Schumann

WESTERSTEDE - Bei dem „Jungen Philharmonischen Orchester Niedersachsen“ sind zwanzig Jahre ein Anlass, von einer Erfolgsgeschichte zu sprechen. Hohes technisches Können und Engagement, der Glücksfall von Dirigenten, die künstlerischen Elan mit pädagogischem Einsatz verbinden – das ließ Konzerte entstehen, die es rechtfertigten, „nach den Sternen“ zu greifen. Selbst Werke von Bruckner und Mahler standen im Repertoire. 

Im zweiten Jahr steht Andreas Schüller am Pult, und mit Strawinskys berühmtem, noch stets provozierendem „Le Sacre du Printemps“ gab es zugleich auch einen Rekord: die größte Orchesterbesetzung (rund hundert Mitwirkende), die je in zwanzig Jahren aufgestellt wurde. 

„Tanz“ war das Motto dieses Konzerts, und Beethovens „Siebte“, die „Apotheose des Rhythmus“, stand am Beginn. Möglich, dass die subtile Durchsichtigkeit der Partitur gelegentlich etwas verdeckt war; was zählte und dem Werk Schwung und Beredtsamkeit gab, war die klare Artikulation in den Instrumenten, die Biegsamkeit der Dynamik, der virtuose Impuls, der hinter aller überbordenden Kraft die tänzerische Grazie erkennen ließ. 

Zu Johann Strauss’ „Kaiserwalzer“, im Grundton sehr wienerisch angefasst, war Strawinskys „Sacre“ ein einigermaßen heftiger Kontrast. 

Man muss dieses Werk von 1913, das einst einen Skandal provozierte, nicht neu „entdecken“. Aber man muss die exorbitante Leistung benennen, die von den jungen Musici, dank des inspirierenden Dirigenten, erbracht worden ist: die Disziplin, Konzentration des Zusammenspiels und Transparenz, die auch extremste Klangballung und komplexeste Soli durchsichtig macht; die souveräne Überschau, die eherne Statik und Emotionen, gleißendes Farbenspiel und beklemmende Spannung des Aufbaus ausbalanciert; schließlich die suggestive, konturenscharfe Entfaltung rhythmisch-metrischer Strukturen, die die elementare und rituelle Seite des Werkes hervorkehrt.
Das Publikum quittierte die eindruckvoll bewältigte Tour de Force mit Jubel. Verblüffend (weil erst gesungen und dann musiziert) die zündende Zugabe: Rossinis Ouvertüre zu „Wilhelm Tell“. -

Nordwest-Zeitung

Enthusiasmus gilt als das Erfolgsrezept
Junges Philharmonisches Orchester besteht seit 20 Jahren - Proben in Westerstede

Von Kerstin Schumann

WESTERSTEDE - Luftmatratzen, Feldbetten und Schlafsäcke bestimmen das Bild im Westersteder Gymnasium. Musik dringt durch die Fenster nach draußen auf die Straße. Damit ist für Eingeweihte klar: Die Probenphase des Jungen Philharmonischen Orchesters Niedersachsen (JPON) hat begonnen. 

Im Sommer vor 20 Jahren waren musikbegeisterte junge Leute, die sich vom Landes-Jugendsinfonieorchester her kannten, auf die Idee gekommen, dieses Orchester auf Zeit zu gründen. Gemeinsam sollte ein anspruchsvolles Konzertprogramm erarbeitet werden. Der Enthusiasmus und die Liebe zur Musik verband die ersten Teilnehmer, und so ist es bis heute. 

Das weiß Thorsten Diekmann sehr genau, war er doch schon 1989 dabei. Der 38-jährige Oldenburger gehört heute zu den Bochumer Symphonikern und nimmt nach wie vor gerne an den Proben in Westerstede teil. „Anfangs waren wir vielleicht 50 Teilnehmer, heute sind es weit mehr als 100. Auch die Werke wurden immer größer. Damals wollten wir einfach nur spielen“, erinnert sich Diekmann. „Wir alle verbringen hier unseren Urlaub und unsere Freizeit. Die Musik lebt vom persönlichen Einsatz der Einzelnen. Diese Begeisterungsfähigkeit zeigt sich auch im Ergebnis.“ 

Dieser Ansicht ist auch der vom Niederrhein stammende und heute an der Oper in Antwerpen beschäftigte Peter Langisch. „Für mich ist das einfach ein schöner Urlaub“, sagt der Berufsmusiker, der die Geselligkeit und das Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe schätzt. „Der philharmonische Geist ist hier zu spüren. Jeder fühlt sich persönlich für das Ergebnis verantwortlich und sorgt dafür, dass maximale Leistung gebracht wird.“ Ein Werk werde nicht einfach nur heruntergespielt, sondern bekomme den charakteristischen Stempel des JPON aufgedrückt. 

Der 39-jährige Kontrabassist war 1993 zum Orchester gestoßen. „Das läuft über Mund-zu-Mund-Propaganda, und die Erfahrungen waren so gut, dass ich seitdem bis auf ein Mal immer dabei war“, erzählt er. Es habe ihn fasziniert, dass sogar fremde Musiker im Zusammenspiel so harmonierten, als ob sie sich schon seit Jahren kennen würden. 

Und so werden auch diesmal wieder die „alten Hasen“ und die Neulinge nach perfekter Harmonie streben, und das Ergebnis ihrer Probenphase den Westerstedern präsentieren. Das Konzert beginnt am Freitag um 20 Uhr in der Aula des Gymnasiums. -