Kritiken und Berichte 2010

NWZ Online:

Reise durch die Absurdität des Lebens

 

Konzert Junges Philharmonisches Orchester Niedersachsen spielt im Gymnasium

von Reinhard Rakow

 

Westerstede - In seiner 1. Sinfonie inszeniert Gustav Mahler – der viel Belesene, weit Denkende – die schreckliche Absurdität des Lebens als „menschliche Komödie" quasi aus der Erinnerung heraus: Am Anfang war reine Unschuld, völliges Einssein mit der Natur. Zart zelebrieren Streicher das A als nicht enden wollenden Liegeton, über dessen Flageolett-Flirren endlich Vogellaute aufsteigen, sich verdichten zum Jubel über diese „schöne Welt, schöne Welt". Forsch nehmen die „Tage der Jugend" Fahrt auf, eine Fahrt freilich, die bald zu kippen droht: man tanzt, man stampft, wird schneller, alles dreht sich. Dann die Zäsur, mitten im Leben, ein Blitz aus hellgelbem Himmel. „Bruder Jakob, schläfst du noch?", fragt ein Trauermarsch ergreifend.

Doch ein Zuviel an Rührung vermeidet Mahler, indem er Tanzmusik persifliert, Klezmer einstreut und andere makabre Lustigkeitsschnipsel, lesbar als Erinnerungsfetzen, die das Elegische spannungsreich zuspitzen. Zuspitzen hin zum fulminanten Finale, diesem Musik gewordenen „Aufschrei eines verwundeten Herzens": Becken, Pauken und Gongs schlagen, fragen „Warum?!", Blech walzt und wummert wagnerschwer; aufgewühlt, den Anfang beschwörend, findet der Rausch der Verzweiflung kein Ende als das des unerlösten Zusammenbruchs.

Gustav Mahler war 29, als er die erste Fassung der Sinfonie schrieb. Die Mitglieder des Jungen Philharmonischen Orchesters Niedersachsen sind zwischen 17 und 33. Doch es ist beileibe nicht nur der Gleichklang der jungen Jahre, der dieses Orchester für eine Aufführung von Mahlers Ersten wie prädestiniert erscheinen lässt. In der Aula des Westersteder Gymnasiums präsentierte es eine faszinierende Synthese von professioneller Perfektion und jenem Wagemut, der ein feinnerviges, noch nicht abgestumpftes Sensorium auszeichnet.

Was es unter dem kongenial engagierten Dirigat des ebenfalls noch jungen Andreas Schüller – beruflich zu Hause in Leipzig und Wien, ein kommender Maestro – in Schwung und Fluss formte, was es an Kontur und Nuance, an Schwärze, aber auch an Licht und Witz herausarbeitete, das war grandios, fast schon mustergültig.

Vorher, im ersten Teil, gab man Hans Rott, einen, der Mahler beeinflusst hat, und Erich Wolfgang Korngold, einen, der Mahler kannte. Dessen bilderreiches Violinkonzert, durchweht vom Duft der späten Wiener Salons, wurde zum Ereignis auch dank der Solistin. Die 26-jährige Geigerin Helena Madoka Berg – sie spielte auswendig, agierte unprätentiös, naturhaft geschmeidig, mit warmem, gewinnendem Ton, schlüssig phrasierend. Begeisterter Beifall dankte ihr, ein wahrer Jubelsturm am Ende dem Orchester und seinem Leiter. -



Reithalle wird zum Konzertsaal


OTTERNDORF.

Beim dritten Mal fängt eine Tradition an, weiß Kulturausschussvorsitzender Hans-Volker Feldmann - und ist nicht nur aus diesem Grund voller Vorfreude auf das dritte Reithallen-Konzert in Otterndorf am Dienstag, 27. Juli, ab 19 Uhr.
Wie bereits in den Jahren zuvor erwartet die Konzertgäste wieder ein Abend der Extraklasse. Mit dem Jungen Philharmonischen Orchester Niedersachsen (JPON) kommt ein Klangkörper nach Otterndorf, der mit seinen über Hundert jungen Musikerinnen und Musikern (Altersdurchschnitt ist 24 Jahre) Garant für höchsten Musikgenuss ist.
Chefdirigent ist wiederum Andreas Schüller, er dirigiert auch als Kapellmeister an der Oper Leipzig und an der Volksoper Wien. Es geht dem jungen Orchester nicht nur darum, interessante Stücke zu spielen: "Wir wollen unserem Publikum ein zusammenhängendes Programm bieten, das unter einem ganz speziellen Motto steht," heißt es seitens des Orchesters.
Diesmal widmet man sich dem Dunstkreis der Wiener Komponisten. Ein äußerst selten zu Gehör gebrachtes Werk des Mahler- Zeitgenossen Hans Rott wird gespielt. Sein "Ein Vorspiel zu Julius Cäsar" wird das Konzert eröffnen. Daraufhin folgt - ganz in klassisch- wienerischer Manier - ein Solokonzert. Erich Wolfgang Korngolds Violinkonzert D-Dur. In diesem zeitgemäßen Wiener Konzertabend fehlt auch der Name Gustav Mahler nicht. Auf dem Programm steht die
Aufführung seiner 1. Sinfonie "Der Titan". "Ein wunderbares Programm", weiß Kulturbeirätin Marianne Nitsche. Das JPON sorgt dafür, dass das Otterndorfer Publikum eine kurze Einführung in die Werke bekommt, um sich durch diese Informationen noch besser auf die Stücke einlassen zu können.
Außer Frage stand es für den Vorsitzenden des Otterndorfer Reitclubs, Willi Keck, die für eine solche Großveranstaltung bestens geeignete Reithalle wieder zur Verfügung zu stellen. Auch die Sparkassenstiftung steht erneut hinter dem vom Musikbeirat der Stadt Otterndorf organisierten Abend.
Unterstützung finden die Otterndorfer erneut beim Nordholzer Marinefliegergeschwader, das nicht nur beim Aufbau der Podeste für die Musiker hilft, sondern auch für Speisen und Getränke in der Pause sorgt.
Von Wiebke Kramp -----------


GÜTERSLOH


Neue Westfälische Zeitung

 

Schönheitstrunkene Sachlichkeit

 

Grandioses Junges Deutsches Philharmonisches Orchester Niedersachsen in der Stadthalle

 

VON MATTHIAS GANS
Gütersloh. Tatsächlich. Kein Platz frei. Alle Stühle besetzt. "Volles Haus" auf der Kneipenmeile vor der Stadthalle. In der Halle selbst: gähnende Leere. Doch die rund 80 Besucher, die zum Konzert des grandiosen Jungen Deutschen Philharmonischen Orchesters Niedersachsen gekommen sind, tobten vor Begeisterung für 800.
Andreas Schüller, musikalischer Leiter des 1989 gegründeten Orchesters, hatte in den zehn Probentagen in Westerstede hörbar gründliche Arbeit für das NRW-Debüt der rund 115 zumeist studierenden Philharmoniker aus Niedersachsen geleistet. Das klingende Ergebnis war schier überwältigend.
Musik aus Wien (im weitesten Sinne) hatte Schüller so sinnfällig wie neue Assoziationsräume öffnend zusammengestellt. Das "Vorspiel zu Julius Cäsar" des 19-jährigen Hans Rott ist ein kurzes Stück aus dem Jahr 1877, das über Wagner und Bruckner hinausweist und den "Begründer der modernen Sinfonie" vorstellte. So stufte ihn sein Kommilitone Gustav Mahler ein, der sich bei seinem sinfonischen Erstling deutlich an der ersten Sinfonie des frühverstorbenen Kollegen orientierte.
In der Gegenüberstellung mit Mahlers nach der Pause gespielten Sinfonie wurde das Verbindende beider Komponisten – das blühende Melos, die Trompetenfanfaren, der naturnahe Ton – noch ohrenfälliger. Schüller und sein exzellentes Orchester verließen sich bei Mahler nicht auf den Überwältigungseffekt.
Geradezu minutiös wurde das Stimmungshafte dieser Sinfonie herausgearbeitet. Das volksliedhafte Moment traf Schüller ebenso subtil wie unforciert beschwingt den jüdischen Tonfall im Mittelteil des "Bruder-Jakob"- Satzes. Insgesamt wirkte die Musik überraschend klischeefrei und bis zum furiosen Finale auch formal perfekt austariert. Eine Meisterleistung.
Von diesem genauen Musizieren profitierte auch das Violinkonzert D-Dur von Erich-Wolfgang Korngold. Nicht als Hollywood-Schmachtfetzen, sondern als sachlich-schönheitstrunkener, leicht melancholisch verschatteter Rückblick auf die Romantik, als später Nachklang des Fin de siécle wirkte das Stück aus dem Jahr 1945.
Schüller bevorzugte eher gemessene Tempi, um die luxurierenden Orchesterfarben aufs Genaueste abzustimmen, und hielt doch die Spannung bis zum Schluss. Bewundernswert, wie der Dirigent die üppige Besetzung dynamisch zurückhielt und so der jungen Geigerin Helena Madoka Berg aus Berlin Raum zur tonlichen Entfaltung gab.
Im Vergleich zum süffigen Ton des Uraufführungssolisten Jascha Heifetz wirkte ihre Herangehensweise vorsichtig, fast spröde. Doch je mehr man sich auf ihr feinstoffliches Spiel einließ, umso eindringlicher wirkte ihr Interpretationsansatz. Korngolds Konzert einmal nicht als lukullischen Reißer musiziert, sondern als geradezu klassizistisches Meisterwerk ernst genommen, hat man in solch überlegt- individueller Konsequenz selten gehört. Auch hier verdiente Ovationen für Solistin und ein Orchester, dass beim (hoffentlich) nächsten Gastspiel auf breiteres Interesse stößt. -


Niederelbe-Zeitung

 

Reithallenkonzert ein Zugpferd

 

Junges Philharmonisches Orchester Niedersachsen unter Leitung von Andreas Schüller begeisterte das Otterndorfer Publikum

 

VON WIEBKE KRAMP
Otterndorf. Sonfonieklänge vom Feinsten statt Hufgeklapper - die Otterndorfer Reithalle verwandelte sich am Dienstagabend in einen Konzertsaal. Das Junge Philharmonische Orchester Niedersachsen unter der Leitung von Andreas Schüller (Leipzig / Wien) entfachte auch im dritten Gastspieljahr vor nahezu ausverkauftem Haus mitreißende Begeisterung und erwies sich als musikalisches Zugpferd.
Rund 480 Konzertbesucher erlebten ein ebenso un- wie außergewöhnliches Programm dreier Komponisten aus Wien. Der viel gespielten ersten Sinfonie Gustav Mahlers wurden weniger bekannte Wereke vorangestellt: eine Ouvertüre von Hans Rott sowie das virtuose Solokonzert von Erich Wolfgang Korngold.

 

Wunsch nach Wiedersehen

 

Beim dritten Mal beginnt die Tradition. Eigentlich sonst eher augenzwinkernd von Otterndorfs Kulturausschussvorsitzendem Hans-Volker Feldmann formuliert, artikulierte er es diesmal als ausdrücklichen Wunsch auf weitere Wiedersehen mit diesem rund 100- köpfigen Orchester, das sich aus „hochdekorierten und motivierten Musikern zusammensetzt, die sich zu einem großartigen Ensemble zusammengefunden haben.“ Kultur besitze schließlich in Otterndorf einen hohen Stellenwert und „werden nicht nachlassen, dass es so bleibt“, versicherte Feldmann unter spontanem Beifall und sprach Musikbeirätin Marianne Nitsche für ihr ehrenamtliches Engagement besonders Dank aus.
Niederschwellig im besten Wortsinne was das Reithallenkonzert auch diesmal - die zwanglose Atmosphere sorgt offensichtlich für Zugkraft. Massenkompatibilität und Klasse müssen sich eben nicht ausschließen.
Mittlerweile hat sich beim Otterndorfer Publikum zudem herumgesprochen, dass bereits die Einführung ein Hochgenuss ist. Über 400 Besucher nutzten das lehrreiche Angebot und erhielten vorab vom Dirigenten Andreas Schüller ebenso profunde wie kurzweilige Erläuterungen
mit punktgenau vom Orchester eingespielten Hörbeispielen zu Mahlers Sinfonie und die Bedeutung der Quarte als „Ur-Legostein, aus dem der Wiener Komponist seine ganze Sinfonie zusammenbaute.“ Lebhaft legten Schüller und sein Junges Philharmonisches Orchester Niedersachsen dem Publikum so die Eigenarten der vier Sätze nahe.

 

Hintergrundwissen

 

Mit diesem Hintergrundwissen ausgestattet, war das Hörerlebnis des gesamten fast einstündigen Werks doppelt wertvoll. Da konnte selbst der seltsam im Raum schwirrende Beginn des Orchesterwerks nicht mehr irritieren. Die verfremdeten Volksmusik-Weisen wurden als Parodie erkannt und vorgewarnt war man auch über die gewalttätigen Grotesken im letzten Satz. Die Mahler- Sinfonie Nr. 1 in D-Dur war der krönende Abschluss eines insgesamt rundum stimmigen Abends. Zuvor hatte das Publikum das Vorspiel zu „Julius Caesar“ B-Dur von Hans Rott (1858 bis 1884) genossen sowie das aus drei Sätzen bestehende Konzert für Violine und Orchester D-Dur von Erich Wolfgang Korngold (1897 bis 1957). Und wer Anklänge aus alten Abenteuerfilmen mit Eroll Flynns zu hören meinte, lag damit gar nicht schief (wie man vorher von Dirigent Schüller erfahren konnte), denn der emigrierte Österreicher hatte sich als Filmkomponist in Hollywood einen Namen erarbeitet. Als Solistin verzauberte dabei die 26-jährige Violinistin Helena Madoka Berg mit dem Gesang der Geige besonders im romantischen zweiten Satz, bevor sie die kraftvolle Stimme des Instruments im Finale ausspielte.

 

Ermöglicht wurde das von der Stadt organisierte Konzert erneut durch das Engagement des Otterndorfer Reitclubs und der Technikstaffel und Offiziersmesse des MFG 3 sowie der Unterstützung durch die Kreissparkasse.
Am Ende belohnten die begeisterten Konzertgäste das Orchester und seinen mitreißenden Dirigenten für offensichtliche Spielfreude gekoppelt mit hohem künstlerischen Ausdrucksvermögen mit lang anhaltendem, stehenden Applaus. Auf die nächste niederschwellige Musikveranstaltung braucht das Publikum übrigens nicht ein ganzes Jahr zu warten: Vom 23. bis 26. September findet bereits zum siebten Mal das Musikfestival „Stimmen Europas“ statt (diesmal mit dem Länderschwerpunkt Italien). -