Kritiken und Berichte 2012

Nordwest-Zeitung vom 14. August 2012

Herausragende Feier des Untergangs
KONZERT - Junges Philharmonisches Orchester Niedersachsen in Westerstede

Von Horst Hollmann
WESTERSTEDE - Manchmal muss ein Orchester die Muskeln spielen lassen, besonders intensiv bei Anton Bruckner. Dirigent Andreas Schüller animiert das Junge Philharmonische Orchester Niedersachsen (JPON) dazu mit dezentem Aufwand. Die linke Hand regelt gelassen den hymnischen Aufschwung ins Finale der 4. Sinfonie Es-Dur. Wenn dann keine Steigerung mehr möglich scheint, dann setzen die Musiker in der Aula des Westersteder Gymnasiums noch eine Portion unumstößlicher Gewissheit oben drauf. Echter Bruckner eben.

Es ist auch dynamisch die Krönung einer Projektarbeit mit Tradition. Seit 23 Jahren treffen sich junge Musiker, von Wettbewerbs-Preisträgern bis zu fest angestellten Orchestermusikern, in Westerstede. 86 Musiker sind es diesmal. Zur Probenarbeit mussten sie wegen Bauarbeiten am Ammerländer Standquartier diesmal nach Rotenburg ausweichen. Aber in Westerstede zu spielen, war Ehrensache , sagt Orchester-Sprecher David Scharmacher.

Vollkommen natürlich

Nicht nur pralle Muskeln sind gefragt bei Bruckner oder bei Maurice Ravels La Valse. Es bedarf der feinsten Nervenfasern, um die Vielstimmigkeit der romantischen Sinfonie beredt zu machen. Wenn Bruckner Natürliches und Göttliches in Einklang bringt, dann künden die Musiker davon weniger mit Demut als mit froher Zuversicht.

Der in Leipzig und Wien wirkende Schüller fächert den Orchesterapparat höchst differenziert auf, lässt die Musik organisch fließen. Nur in der geschickt mit einem weiten Spannungsbogen aufgebauten Tannhäuser-Ouvertüre lassen die Bläser auch mal ahnen, wo Schwierigkeiten stecken. Mit seinem weitgehend vibratolosen Spiel erzeugt das Orchester unzählige Nuancen zwischen einem immer klar konturierten Pianissimo und einem nie dröhnenden Fortissimo. Da bleiben die Akkorde kernig, ohne zu krachen. So entwickelt sich der Klang des prächtigen Orchesters vollkommen natürlich mit einer sinnlichen Schönheit.

Wenn Bratschen und Celli mit den ersten Themenbrocken zum Tanz mit Ravel auffordern, wird früh klar, wohin die Reise bei Schüller und dem JPON geht: in die Auflösung einer Gesellschaft vor 100 Jahren, die sich zu Tode gelebt hat.
Klangfinesse
Grandios lassen sie die zerfetzten Walzerbruchstücke aufrauschen, sich drehen wie in alten Zeiten und dann zusammenbrechen. Manchmal hätten minimale Tempoverzögerungen noch mehr morbiden Charme eindringen lassen. Inmitten aller Herausforderungen entwickeln die Spieler atemberaubende Brillanz, Präzision, Deutlichkeit und Klangfinesse. Ein Hurra auf den Untergang!

Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 13. August 2012


Klassik für alle
Junges Philharmonisches Orchester beim NDR


Von Ludolf Baucke

Ein furioses Finale: Die große Sinfonik hat das seit 1989 bestehende Junge Philharmonische Orchester Niedersachsen (JPON) so in den Bann gezogen, dass es sein Publikum zum Abschluss seines hannoverschen Gastspiels im großen Sendesaal des NDR auf eine lange Reise in österreichische Gefilde mitnahm. Anton Bruckners als "Romantische" bekannte vierte Sinfonie entfaltete sich dank aufmerksamer Führung durch den Chefdirigenten Andreas Schüller als faszinierende Landschaft. Ausgehend von dem über tremolierenden Streichern angestimmten Quintenruf des Horns gab es mit Zwischenhalten bei einem vogelstimmenartigen zweiten Thema und markanten Blechbläserpassagen schon im ersten Satz ein gleichermaßen weiträumiges wie anschauliches, vor allem aber von außerordentlicher Spielfreude gezeichnetes Hörpanorama. Alle Instrumentalgruppen musizierten geschmeidig. Der Bogen spannte sich dabei von wundersam elastischen Streichern bis hin zu kernigen Posaunen. Die Kontrabassgruppe spielte feinsinnig und nahm es mühelos auf mit den benachbarten zehn Violoncellisten. Die Bratschen ließen mehrfach aufhorchen - am schönsten
durch ausdrucksvolle Beweglichkeit, als im langsamen Satz das zweite Thema gesungen wurde.

Temperament und Präzision begegneten sich im Scherzo mit seinen von der Hörnergruppe auf die anderen Bläser überspringenden Jagdmotiven, doch dessen Mittelteil enthüllte viel liebenswürdige Anmut. Die einstündige Fahrt durch die Bruckner-Sinfonie verging wie im Fluge. Das JPON hatte zu einem Gratiskonzert eingeladen und machte seinem bunt gemischten Publikum "Klassik für alle" lange schmackhaft. Nach dem mit Beifall überschütteten Bruckner-Finale konnte rasch vergessen werden, dass das Orchester Wagners "Tannhäuser"-Ouvertüre zu Beginn zwar gepflegt, doch zu vorsichtig angegangen war. Das JPON musste aber zwischen Wagner und Bruckner mit Ravels "La Valse" eine schwierige Hürde überwinden und meisterte sie mit Bravour. Es scheute dabei nicht vor einem Tanz auf dem Vulkan zurück. Nur gut, dass Bruckners Naturromantik
alle Gemüter wieder beruhigte.

Rotenburger Kreiszeitung vom 11. August 2012

 

Menschlich wie musikalisch stimmig
Wenige Zuschauer erleben Großes beim philharmonischen Konzert


ROTENBURG Sind denn alle Klassikfreunde im Urlaub? Die Wümmestädter, sonst – so zeigt beispielsweise die Reihe der Rotenburger Konzerte – eine starke, eingeschworene Fan-Gemeinde, nutzten nur spärlich die seltene Gelegenheit, ein ganzes Sinfonieorchester direkt vor der Haustür erleben zu dürfen. Schade, denn so saßen am Donnerstagabend mit fast 100 Musikern doppelt so viele Akteure wie Zuschauer in der Aula des Ratsgymnasiums. Die hielt es jedoch kaum auf den Sitzen ob des Klangerlebnisses, das sich bei den vom „Jungen Philharmonischen Orchester Niedersachsen“ eingeübten drei Stücken bot. Zur jährlichen Sommerprobe hatten die Musiker des Vereins aus ganz Deutschland zuvor elf Tage lang die Räume des Ratsgymnasiums genutzt. Die meisten der jungen Erwachsenen auf der Schwelle zum Berufsleben sind Studenten oder haben ihre ersten Engagements als Musiker, aber auch versierte Hobbyinstrumentalisten sind dabei. Wie Alina Laucke: Die Klarinettistin studiert Physik in Frankfurt und freut sich nicht nur darüber, auf so hohem Niveau musizieren zu dürfen: „Auch die Atmosphäre untereinander ist eine ganz besondere. Viele kennt man schon über Jahre – das ist zwischenmenschlich einfach stimmig.“ Und das schlug sich auch musikalisch nieder: Ob in Wagners Ouvertüre zu „Tannhäuser“ oder im anschließenden „La Valse“ von Ravel. Chefdirigent Andreas Schüller, der das Orchester seit 2009 leitet, war es in täglich bis zu neun Stunden Probenarbeit nicht nur gelungen, einen einheitlichen Klangkörper zu schaffen, sondern auch Nuancen herauszuarbeiten – etwa die zahlreichen Klangfarben im „Tannhäuser“, die eine Ouvertüre mit ihren unterschiedlichen Motiven mit sich bringt, von leichtfüßig daherkommenden Streicherphrasierungen über wunderschönen, verhalten eingesetzten Bläsereinwürfen bis zur wagnerschen Dramatik, bei der Schüller den Zuschauern jegliches Pathos ersparte. Auch in Ravels „La Valse“ dominierte das Spannungsfeld aus Ekstase und Liebe, das die Organisatoren zum Rahmen gewählt hatten. Grandesse und großartige Erhabenheit indes bot Anton Bruckners Sinfonie Nr. 4 in Es-Dur, die den Kern des Abends bildete. Fanfarenhafte Bläser, verhalten gezupfte Streicherpassagen, einwandfreie Dynamik machten auch die kleinen Nachlässigkeiten im Zusammenspiel des ersten Teils vergessen. Die Standing Ovations waren verdient – mehr noch prägte sich jedoch ein symbolisches Bild ein: Das von Musikern, die sich nach dem ersten von vier Konzerten glücklich in den Armen lagen. Stimmiger – menschlich wie musikalisch – ging es wohl kaum. hey

Goslarsche Zeitung vom 15. Mai 2012

 

Kräftiges Bravo für Kantoreikonzert
Bewegendgs Musikerlebnis in Goslar

 

Von Carsten Jelinski

Das Weihnachtsoratorium oder Verdis Requiem gehören zum Standardprogramm aller Kantoreien in der Republik. Doch ein großes Programm französischer Komponisten im Konzert anzubieten — und dies gleich zweimal -, ist einerseits ein Wagnis und andererseits eine musikalische Großtat, die den führenden Kirchenmusikerstellen der Republik in Nichts nachsteht. Ein kräftiges „Bravo" für das überaus gelungene Chor-, Orgel- und Orchesterkonzert der Goslarer Kantorei in der Marktkirche.

Egal, ob Jörg Straube in Hannover, Gert Peter Münden in Braunschweig, gleich, ob Neandergemeinde in Düsseldorf oder Hamburger Michel - besser hätte es dort auch nicht laufen können. Propsteikantor Gerald de Vries hatte die Kantorei vom Programm überzeugt, Franziska de Vries rief einen Kinderchor fürs Projekt ins Leben, Kantor Hofmann bereitete sich bestens auf seinen Orgelpart am neu gestalteten Instrument der Marktkirche vor und das herrliche "Junge Philharmonische Orchester Niedersachsen" zeigte gemeinsam mit Tenor Jörn Lindemann einmal mehr seine hervorragenden Qualitäten.
Gefülltes Kirchenschiff
Beide Konzerte konnten sich am Sonntag über mangelnden kumszuspruch nicht beklagen, um 16 Uhr zeigte sich das Kirchenschiff ebensogut gefüllt wie um 19 Uhr. Schon das erste Werk, Cäsar Francks „Psalm 150", zeigte die machtvollen Möglichkeiten von Kantorei, Orchester und Orgel auf herrliche romantische Klangwelten. Wenn dem ein oder anderen Besucher, der seinen Platz im hinteren Schiff der Kirche eingenommen hatte, das neu gestaltete Instrument zu kraftvoll erschien, so verwoben sich in der Kirchenmitte Orgel, Chor und Orchesterklang bestens — da ging dem Musikfreund wie dem Kenner das Herz auf.
Francis Poulencs „g-Moll-Konzert für Orgel, Streicher und Pauken" gestalteten de Vries, das Orchester und Martin Hofmann überaus lebendig‚ prall voll Leben und sehr dramatisch — das Publikum lauschte gebannt den moderat-modernen Klangwelten.
Hector Berlioz, der Komponist fürs Große (er komponierte Musik für 900 Mitwirkende allein im Chor), schrieb einst über sein „Te deum": „Es War kolossal, babylonisch, ninivesk." Da hat er Recht, das Werk ist tatsächlich so riesig angelegt. In der Kantorei, trotz „nur" 120 Choristen, dem Orchester und dem Organisten fand Berlioz eine adäquate Werkgestaltung. Alles, was Orchester, Chöre und Orgel zu bieten haben, ist dabei: Bläser, Streicher, Becken, Trommel, Kinder- und Erwachsenenchor, ein Solist und eben die große Orgel.
Pathos und Beteiligung
Mit notwendigem Pathos, mit spürbarer innerer Beteiligung gestalteten alle Beteiligten das knackige Werk und loteten Tiefe und Sanftheit ebenso hervorragend aus wie Machtfülle und Klangkaskaden, mitreißend und fordernd, rangehend und fast unheimlich intensiv. Und das alles zum Lobe Gottes.
Jeder Besucher wird gespürt und gemerkt haben, welche herrlichen, tränentreibenden, energiegeladenen, leidenschaftlichen und lustvollen Dimensionen sich in (nicht nur) solcher Musik finden - vom Baby bis zur Bahre, ohne Musik läuft nichts. Wenn allein dies — verdeutlicht durch die ehrenamtlich agierenden Kantoristen, den professionellen Musikern und dem überaus disziplinierten Kinderchor — deutlich wurde, dann steht einer Aufwertung dieser Kunstgattung nicht mehr im Wege - Zeit wird's.