Kritiken und Berichte 2013

Übersicht:

"Aufregende Darbietungen großer Musik" (Mindener Tageblatt, 03.10.2013)

"Salzgitter ist nicht der Klassik müde" (Wolfenbütteler Zeitung, 22.09.2013)

"Vermeintlich bekannte Musik ganz neu erforscht" (Nordwest-Zeitung, 06.08.2013)

"Klassischer Klangrausch für alle" (Weser Kurier, 05.08.2013)

"Leidenschaft auf ganzer Linie" (Niederelbe-Zeitung, 03.08.2013)

"Synthese scheinbarer Gegensätze" (Mindener Tageblatt, 17.07.2013)

"Community Dance: Die Schöpfung in starken Bildern" (Mindener Tageblatt, 29.04.2013)

Mindener Tageblatt vom 3. Oktober 2013

 

Aufregende Darbietungen großer Musik

Marienkantorei gibt mit dem Pianisten Matthias Kirschnereit ein Konzert im Stadttheater

 

VON UDO STEPHAN KÖHNE

Minden (usk). Die Chöre von St. Marien sangen im Stadttheater: ein neues und anderes Erlebnis, von eigenem Reiz für die Ausführenden und für das Publikum, das buchstäblich in letzter Minute doch noch das Haus derart gut füllte, dass eine anregende Stimmung herrschte.

Das von Marienkantor Andreas Mitschke zusammengestellte Programm bestach durch dramaturgische Klugheit. "Leipzig trifft den Norden" kombinierte große Konzertouvertüre, populäres Klavierkonzert und mitreißende Chorsinfonik. Und es spielte auf die Tatsache an, dass auch die Nordlichter Gade und Grieg, sich in Leipzig wichtige Lorbeeren für das weitere Komponistenleben verdient hatten.

Auftakt mit der "Nachklänge von Ossian"-Ouvertüre des ziemlich vergessenen Niels Wilhelm Gade. Mitschke dirigierte das liebevoll und geschmeidig in das Werk hinabtauchende Junge Philharmonische Orchester Niedersachsen eindringlich. So hatten die dramatischeren Momente Biss und die lyrischen viel Innigkeit. Ein kleines und überzeugendes Plädoyer für einen zu Unrecht Vernachlässigten.

Auch dem a-Moll-Klavierkonzert von Edvard Grieg konnten die Interpreten viel abgewinnen. Vor allem weil sie das Werk gewissermaßen unbeeindruckt von seinem Schlachtross-Charakter neu durchdachten. Da gab es durchaus Momente der Irritation in dem Versuch, eine Linie zu finden. Aber wie sich Dirigent und Solist dann einigten: alle Achtung.

Unruhig vorwärtsdrängend ging Mitschke den Beginn des ersten Satzes an, wurde von Kirschnereit geradezu beruhigt, der das Tempo herausnahm und die sanglichen Seiten betonte. Später schien es umgekehrt zu sein: Jetzt war der Dirigent einer gemäßigteren Linie verpflichtet, sodass Kirschnereit mehr Waghalsigkeit einbringen musste.

Man könnte solcherart Suchen als Schwäche betrachten: Hier war es ein spannendes Interagieren im Dienste der Komposition. Dazu der wunderbar sanft tönende Klang des Matthias Kirschnereit, dem auch die pianistische Attacke nicht abging. Konzerthörerherz, was willst du mehr? Vielleicht größeres Einfühlen in die Kantabilität des langsamen Satzes, auch in die nordische Sentimentalität. Das leisten Profiorchester gewiss besser. Aber die Jungphilharmoniker aus Niedersachsen machten technische Unterlegenheit durch Engagement locker wett. So im Schlusssatz, der alle Beteiligten in bestem Einverständnis zeigte.

"Walpurgisnacht" als krönender Abschluss

Kirschnereit legte mit dem G-Dur-Prelude von Sergej Rachmaninow nach. Noch einmal Klaviergesang der Extraklasse.

Dann das Finale mit der "ersten Walpurgisnacht" von Felix Mendelssohn Bartholdy: krönender Abschluss eines stimmigen Konzerts. Allerdings hatte die Marienkantorei akustisch einen schweren Stand. Anfangs fast auf verlorenem Posten (weil zu weit hinten auf der Bühne platziert und ohne rückwändige Raumbegrenzung), dann jedoch sich besser positionierend und zum gewichtigen Träger des Geschehens avancierend. Mitschke leitete animierend und elanvoll, das Orchester folgte zielstrebig. Die durchweg jungen Solisten (Marie-Sande Papenmeyer, Sebastian Franz, Philip Björkqvist und Jaegyeong Jo) mussten kräftig mit der trockenen Akustik kämpfen, was dem koreanischen Bariton am nachdrücklichsten gelang.

Trotz dieser Mankos ein spannendes Konzerterlebnis: Denn diese "Walpurgisnacht" hatte reichlich Binnenspannung. Euphorischer Beifall.

Wolfenbütteler Zeitung vom 22. September 2013

 

Salzgitter ist nicht der Klassik müde

Salzgitter Der Auftakt der Musiktage in der MAN-Auslieferungshalle war glanzvoll.

 

Von Rainer Sliepen

Klassikmüdigkeit in Salzgitter? Nicht, wenn es sich um die Musiktage mit ihrem qualitativ hochwertigen und publikumsorientierten Programmangebot handelt.

Populäres und Unbekanntes in Verbindung mit hervorragenden Solisten, das war das Rezept für eine ausverkaufte Spielstätte. Zu Gast war das Junge Philharmonische Orchester Niedersachsen mit seinem Dirigenten Andreas Mitschke. Sie sorgten für einen glanzvollen Auftakt in der Auslieferungshalle von MAN mit ihrer hervorragenden Akustik.

Die 26. Saison des Klassikfestivals in Salzgitter begann mit der Konzertouvertüre „Nachklänge von Ossian" des dänischen Komponisten Niels Wilhelm Gade (1817-1890). Deutlich in der Tradition der Mendelssohnschen Landschafts-Ouvertüren stehend, beeindruckt Gade und mit ihm seine Interpreten mit kontrastreicher dramatischer Gestaltung. Die Stärken des Ensembles: Präzise Streicher, kultiviertes Holz und machtvolles Blech.

Erster Höhepunkt ist zweifellos das Klavierkonzert a-Moll von Edvard Grieg (1843-1907) mit dem international renommierten Pianisten Matthias Kirschnereit. Die jungen Philharmoniker erweisen sich dem inspiriert aufspielenden Solisten als aufmerksame Begleiter und setzen eigene musikgestalterische Akzente. Grieg, berühmt für die kleine Form und zarte Stimmungen, überrascht hier mit symphonischer Brillanz, mächtigen instrumentalen Entladungen, aber auch zartesten Klangabschattungen. Dirigent Mitschke animiert das Orchester zu sensiblen musikalischen Dialogen mit dem Piano. Flüsternd und hingehaucht wie im Adagio, dann wie im Schlusssatz mit krachendem Tutti, strahlender Opulenz und einem harmonischen Übergang zu berückender Sanglichkeit. Da scheint Kirschnereit geradezu getragen von schwelgerischen Streichern und warmen Holzbläserkantilenen. Zum Schluss beschwingte akzentuierte Rhythmik und ein vor Energie schier berstendes Finale.

Nach der Pause Seltenes von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847). Doch seine Erste Walpurgisnacht für Soli, Chor und Orchester erweist sich geradezu als symphonischer Blockbuster. Faszinierend der grandiose Spannungsaufbau. Die Chöre von St. Marien aus Minden gestalten den schlichten Volkston ebenso wie die grelle Chorszene der Druiden mit einfühlsamer Souveränität. Homogen auch die Vokalsolisten, mit warmem ausdrucksvollen Mezzo Marie-Sande Papenmeyer, strahlend leuchtendem Tenor Sebastian Franz, mit ausgewogenem Bariton Jaegyeong Jo und mit vibrierender Basstiefe Jani Kyllönen.

Begeisterter Beifall der 420 Zuhörer!

Nordwest-Zeitung vom 06. August 2013

 

Konzert -

Vermeintlich bekannte Musik ganz neu erforscht

Junges Philharmonisches Orchester Niedersachsen beendet Sommerprojekt in Westerstede

 

Von Horst Hollmann

Westerstede Sagt der Gärtner: „Du betrittst nie zweimal den gleichen Garten." Dann weist er auf den ständigen Wandel in der Natur hin. Sagt der Musiker: „Du hörst nie zweimal das gleiche Werk." Dann erklärt er, dass Interpretationen zwar Ähnlichkeit, nie aber Gleichheit erreichen können. Spielt das Junge Philharmonische Orchester Niedersachsen (JPON), dann verbürgt sich das seit 24 Jahren bestehende Ensemble für Interpretationen, die man oft so noch nie gehört hat.

Die fast 90 Musikerinnen und Musiker erforschen mit Entdeckerfreude, Neugier, frischer Fantasie und spontaner Leidenschaft vermeintlich bekannte Musik neu. In der gut besuchten Aula des Westersteder Gymnasiums richten sie den Blick auf Beethovens 1. Sinfonie C-Dur, die „Rosenkavalier"-Suite von Richard Strauss und das Konzert für Orchester von Béla Bartók.

Zehn Tage haben die Preisträger von Landes- und Bundeswettbewerben „Jugend musiziert" und junge Orchestermusiker in ihrem Sommerquartier in der Ammerländer Kreisstadt unter Leitung von Andreas Fellner die Werke erarbeitet. Unter dem Kapellmeister des Theaters Krefeld/Mönchengladbach entwickeln sie dabei hohe technische Brillanz, so dass sie sich kaum auf routinierte Sicherheit zurückziehen müssen. Natürlich sind alle Details kalkuliert. Aber Wagemut und Spielfreude stecken an. Dabei gerät nicht alles unter Hochspannung. Der Beethoven kommt schwergewichtig, mit einem Zug zum Heroischen, dazu derb in den Bläsern und gestelzt im Andante. Doch den hysterischen Überschwang eines Strauss' kosten alle aus. Da wird keine nostalgisch schimmernde Vergangenheit geträumt, sondern lebendige Klanggegenwart gefeiert. Fellner nimmt der Musik viel von ihrer reinen Äußerlichkeit, ohne analytisch nüchtern zu werden. Gerade ruhige Momente werden wie unter einer Zeitlupe betrachtet, etwa, wenn sich der erste Walzer fast

schüchtern anmeldet: Kann man so etwas nostalgisch Schwärmerisches heute noch spielen? Und ob!

In Bartóks auch technisch vertracktem Alterswerk fängt das Orchester den ganzen Reiz zwischen Grellheit und Dunkelheit ein. Klangüppigkeit verliert nie ihre Klarheit, Fortissimi bleiben biegsam. Bei aller Sorgfalt in den Details wird das Stück nie kleinteilig. Beklemmend ist die Magie der Dämmerung eingefangen. In der „Elegie" tasten sich die jungen Musiker auch an die abgründige Ruhe heran. Sie ganz zu erreichen, davor weichen sie noch zurück. Jede Interpretation ist eben anders. Den perfekten Garten und die perfekte Musik gibt es vielleicht gar nicht. Sollte es sie überhaupt geben?

Verdener Nachrichten – Weser Kurier vom 05. August 2013

 

Stehende Ovationen für das Junge Philharmonische Orchester Niedersachsen in der Stadthalle

Verden

 

Klassischer Klangrausch für alle

Unter dem Motto "Klassik für alle" entzückte das Junge Philharmonische Orchester Niedersachsen vergangenen Freitag mit Stücken von Ludwig van Beethoven, Richard Strauss und Bèla Bartók das Publikum in der Verdener Stadthalle.

 

Von Katharina Fischer

Verden. "Die Liebe zur Musik, die Freude am gemeinsamen Musizieren und der Ehrgeiz, große symphonische Werke auf die Bühne zu bringen" – dies seien die Triebkräfte, die das 1989 gegründete Junge Philharmonische Orchester Niedersachsen eint. So beschreibt sich die Gruppe selbst. Davon konnten sich vergangenen Freitag die rund 80 Gäste selbst überzeugen, als das junge Ensemble, nach zehn Tagen Probenarbeit in Westerstede, in der Verdener Stadthalle auftrat. Dem sympathischen semiprofessionellen Orchester, bestehend aus Musikschülern und -studenten, Berufs- und Laienmusikern mit anderen festen Berufen gelang es dabei schnell, eben jene Freude zu transportieren und sein Publikum mitzureißen. Dazu trug das einnehmend charismatische Auftreten des Dirigenten Andreas Fellner ebenso bei, wie das Motto des Abends, welches von David Scharmacher, erster Vorsitzender des Orchestervorstands, erklärt wurde. Unter dem Motto "Klassik für alle" ist das Orchester bestrebt, durch freien Eintritt all denen die Chance zu geben, ein professionelles klassisches Konzert zu erleben, denen es sonst an den entsprechenden finanziellen Mitteln fehlt. Daneben ist auch erklärter Wunsch, das elitäre, angestaubte Image klassischer Musik aufzuweichen und über den Spaß, den sie vermitteln kann, ein junges Publikum zu erreichen. Dieses lobenswerte Konzept ist leider nur bedingt aufgegangen. Bei ihrem ersten Besuch in Verden fanden sich unter den Gästen nur vereinzelt junge Gesichter. Die vielen leeren Stühle kommentierte Scharmacher jedoch augenzwinkernd mit "Nicht alle in Verden wissen wohl, dass die Stadthalle klimatisiert ist." Weder der Laune der Musiker, noch der Qualität des Spiels tat dies einen Abbruch, und der kleine glückliche Gästekreis war augenblicklich vom lupenreinen Orchesterspiel hingerissen. Bereits nach dem ersten Stück, Ludwig van Beethovens "1. Sinfonie", gab es – völlig zu recht – "Bravo"-Rufe und erste stehende Ovationen. Beethovens Klassiker erwies sich als furioser Einstieg in den Konzertabend. Frisch, mit viel Verve und hohem Tempo präsentierte das Orchester den spielerisch aufbrausenden Schwung des Werkes und reizte dabei sichtlich begeistert das große klangliche Farb- und Stimmungsspektrum aus – ganz so, wie man sich Beethoven

vorstellt.

Ohne Scheu vor Pomp und Gloria

Anschließend folgte die 1911 uraufgeführte "Rosenkavalier-Suite" von Richard Strauss. Ohne Scheu vor Pomp und Gloria wurde die Geschichte der beliebten Operette um höfische Ränke, Liebeslust und Liebesleid, bei der sich am Ende alle – natürlich Walzer tanzend – in den Armen liegen, konzertant erzählt. Dabei stachen vor allem die Bläser heraus, welche die Brautwerbung wunderbar ergreifend ausmalten, bevor die gesamte Orchesterbesetzung zum Walzer einsetzte. Es gab kaum einen Besucher, der sich nicht unwillkürlich schunkelnd von der sich stetig steigernden Pracht bis zum pompösen aber nie tosenden Schlusswalzer mitreißen ließ.

Nach der Pause wurde den zuckrig-süßen Melodien von Strauss das ungleich anspruchsvollere und auch schwieriger zu handhabende "Konzert für Orchester" von Béla Bartók gegenüber gestellt. Schüller führte sein Orchester souverän und inspirierend durch diesen 1944 im Schatten des Nationalsozialismus uraufgeführten "Klassiker der Moderne". Die spannungsgeladene Interpretation des komplexen Stückes, bei der die einzelnen Instrumente eher solistisch behandelt werden, offenbarte das außerordentliche Spektrum des jungen Ensembles und faszinierte bis zum dramatischen, stets mit den Erwartungen der Zuhörer spielenden Schluss. Dass es alles in allem nicht ganz so präzise daherkam, wie die beiden ersten Stücke konnte den Gesamteindruck nicht mindern. Mit der ausgesprochen professionellen Inszenierung, der man die Orchestererfahrung anmerkt und den dynamischen Interpretationen ist das Junge Philharmonische Orchester einmal mehr seinem guten Ruf gerecht geworden. All jenen die das Ensemble (wieder) erleben möchten, sei daher schon jetzt der 27. Oktober ans Herz gelegt. Gemeinsam mit dem Domchor Verden ist es dann mit Gustav Mahlers "Sinfonie Nr. 2 – Auferstehung" wieder in Verden zu hören.

Niederelbe-Zeitung vom 3. August 2013

 

Leidenschaft auf ganzer Linie

Konzert des Jungen Philharmonischen Orchesters Niedersachsen in ausverkaufter Reithalle

 

Von Wiebke Kramp

OTTERNDORF. Dieser Sommerklassiker bleibt ein Zugpferd: Das Reithallenkonzert mit dem Jungen Sinfonieorchester Niedersachsen (JPON) bescherte der Stadt Otterndorf Donnerstagabend diesmal sogar Besucherrekord.

Rund 600 Konzertbesucher genossen einen besonderen Sommerabend mit Beethoven, Strauss und Bartok. Da alle Stühle besetzt waren, hatten einige Kurzentschlossene Pech und kamen ob ausverkauften Hauses nicht in den Genuss eines besonderen Konzerterlebnisses mit Atmosphäre.

Es war wiederum geprägt von nahezu hundert jungen Musikerinnen und Musikern, die unüberhörbar eines verbindet: Die Liebe zur Musik, Können und Spielfreude, mit denen sie das in den zurückliegenden zehn Tagen gemeinsam intensiv erarbeitete Programm darboten. Erstmals erlebte das Otterndorfer Publikum einen neuen JPON-Dirigenten: Andreas Fellner eroberte die Herzen mit erfrischend authentischer Ausstrahlung, Charme und Leidenschaft. Dem 31-jährigen gebürtigen Wiener, ausgebildet als Schlagzeuger am Salzburger Mozarteum und als Dirigent am Wiener Konservatorium, stand bereits vor Konzertbeginn die Motivation ins Gesicht geschrieben, gemeinsam mit dem jungen Orchester für einen Abend der Extraklasse sorgen zu wollen. Sympathisch, natürlich und fröhlich führte er mit verständlichen Erläuterungen sowie kurzen Hörbeispielen ins Programm ein.

MIt Ludwig van Beethovens Erstlingswerk Symphonie Nr. 1 - entstanden 1800 - Richard Strauss' Rosenkavaliersuite - die Oper wurde 1911 uraufgeführt, die Suite-Bearbeitung schrieb Strauss 1944 - sowie Bela Bartoks Konzert für Orchester standen drei im Zeitgeist höchst unterschiedliche Werke an, die einen Abend mit Wechselbädern an großen Gefühlen mit Leidenschaft auf ganzer Linie versprachen - und erfüllten.

Darf man klatschen?

Höchst charmant brachte der Orchesterleiter die Zweifelsfrage vom Podium ins Publikum, ob - wie im ersten Teil von begeisterten Zuhörern geschehen - zwischen den einzelnen Sätzen applaudiert werden darf?

Salomonisch die Erklärung: Was zu Zeiten Beethovens im Eifer der Begeisterung durchaus Usus war, eigne sich nicht bei allen Stücken, um den Spannungsbogen zwischen den Sätzen nicht zu zerstören. Und daher lud Dirigent Fellner locker das Otterndorfer Publikum ein, es bei Bartok - dem Hauptwerk des Abends - doch mal ohne Klatschen zwischen den fünf Sätzen zu versuchen. Dem eindringlichen Epos des emigrierten Genies, das 1944 in New York Exil vor den Nationalsozialisten fand, dort aber zunächst nicht in den Tritt kam, war dies angemessen.

Die ausgezeichnete Akustik der Reithalle trug erneut dem harmonisch abgestimmten orchestralen Klangkörper Rechnung, indem tatsächlich jede feinste Nuance jeder Instrumentengruppe herauszuhören war.

Der Musikgenuss ließ an diesem heißen Sommerabend die aufgeheizte Hallenluft vergessen.

Dank vom Bürgermeister Claus Johannßen war der insgesamt großartigen Orchesterleistung mit einem souveränen Dirigenten sicher, dem die profunde Musikbeirätin Marianna Nitsche eine große Karriere voraussagt: „Von Andreas Fellner werden wir mit Sicherheit noch einiges hören."

Der vond er Stadt ausgerichtete Konzertabend wurde ermöglicht durch die Unterstützung vom Otterndorfer Reitclub, den MFG 3 und 5 sowie der Kreissparkasse.

Mindener Tageblatt vom 17. Juli 2013

 

Synthese scheinbarer Gegensätze

Kammerchor St. Marien und Junges Philharmonisches Orchester Niedersachsen geben Konzert


VON UDO STEPHAN KÖHNE

Minden (usk). Die Eintrittskarte nannte es "Großes Concert"; und hatte damit nicht zu viel versprochen. Denn groß war in diesem Sonderkonzert in der Reihe der "Mindener Mittwochs Konzerte", nicht nur die zeitliche Ausdehnung, sondern auch die stilistische Bandbreite.

Ausdrucksvoll trug der Kammerchor St. Marien die A-cappella-Messe von Francis Poulenc vor.

Man durfte berechtigte Zweifel haben, ob das Miteinander von Wunschkonzertnummer und A-cappella-Messe, genialischem Solokonzert und knapper Chor-Orchester-Komposition sowie ausgedehnter Sinfonietta funktionieren würde. Und ob sich Francis Poulenc und Ludwig van Beethoven vertragen würden, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben.

Gut also, dass ein Praxistest veranstaltet wurde. Das nicht völlig überraschende Ergebnis: Wer musikalische Meisterwerke mit Überzeugung präsentiert, führt auch das scheinbar Gegensätzliche zur Synthese. So geschehen in diesem von der Pianistin Almut Preuß-Niemeyer organisierten Konzert am Sonntag in der Marienkirche.

Den Auftakt gestaltete die 17-jährige gebürtige Mindenerin Christa-Maria Stangorra (noch dazu auf einem Instrument aus der Mindener Geigenbauwerkstatt Leonard Müller) mit Ludwig van Beethovens Romanze op. 50 für Violine und Orchester. Schlanker Ton, präzise ausgeführte Läufe und Verzierungen, dazu beseelt und beredt bei der Darstellung des häufig in Kitschnähe gerückten Hauptthemas: eine vielversprechende Talentprobe, vom Jungen Philharmonischen Orchester Niedersachsen unter der Leitung von Andreas Mitschke ebenso unaufgeregt-liebevoll unterstützt.

Dann das Umschalten auf die A-cappella-Messe von Francis Poulenc. Der Kammerchor St. Marien tat sich nur anfangs schwer, fand dann aber schnell zu mehr Intonationssicherheit und vor allem viel Ausdruck. Keine leichte Aufgabe, das zwischen modernen Klangballungen und sanfter Melodienseligkeit schwankende Werk in den Griff zu bekommen.

Der Kammerchor mit dem energisch seine Absichten verdeutlichenden Dirigenten fand zu einer gelungenen Wiedergabe. Stimmliche Extremlagen realisierten die Choristen mehr als anständig; und ein heikles Sopransolo (Johanna Gartmann) gelang ebenfalls.

Die zehn Jahre später, 1947 entstandene Sinfonietta des 1963 verstorbenen Franzosen spielten die Jungphilharmoniker aus Niedersachsen dann mit großem Einfühlungsvermögen. Die Tonsprache ist hier milder, weniger modernistisch, weist mehr schon auf jene große harmonisch spätromantisch konzipierte Karmeliterinnen-Oper voraus, die zu einem seiner größten Erfolge werden sollte.

Begeisternder Auftritt des Aramis Trios

Andreas Mitschke leitete auch hier souverän, ließ den melodischen Momenten genügend Raum, ohne das Harsche des Schlusssatzes unter den Teppich zu kehren. Warum aber unterschlug man den zweiten Satz?

Uneingeschränkt begeisternd dann, was die drei jungen Herren des Aramis Trios (Martin Emmerich, Heiner Reich, Fabian Wankmüller) aus Beethovens Tripelkonzert op. 56 machten. Attackierendes Instrumentalspiel, klangliche Homogenität und ein ansteckend quirliger Umgang mit dem Material zeichneten ihre Interpretation aus. Eine den Zuhörer infizierende Virtuosität gab es gratis dazu. Orchester und Dirigent standen diesem Vorwärtsdrang nur wenig nach. Eine grandiose Werbung für Beethovens "unbeliebtes" Konzert.

Zum Finale dann noch eine Beethoven-Komposition, die bei aller Begeisterung für diesen Komponisten gern übersehen wird. "Meeresstille und Glückliche Fahrt" op. 112 für Chor und Orchester auf Goethe-Gedichte sang der Kammerchor in zweigeteilter, vor dem Orchester postierter Formation. Eine Lösung, die (in den vorderen Reihen zumindest) höchste klangliche Präsenz garantierte. Ein gelungener Coup des in Sachen Akustik experimentierfreudigen Marienkantors. Zugleich der starke Abschluss dieses vielteiligen Konzerts.

Mindener Tageblatt vom 29. April 2013

 

Community Dance: Die Schöpfung in starken Bildern

Gelungene Premiere für 150 Schüler, 160 Sänger und Orchester mit fünftem Projekt in Minden

 

VON URSULA KOCH

Minden (mt). Am Anfang der Schöpfungsgeschichte steht das Licht. Und so schalten am Freitagabend zum fünften Community Dance Projekt Minden in der Kampa-Halle erst rund 160 Choristen jeder eine kleine Lampe an, bis das Licht schließlich auf die Bühne überspringt.

Planeten ziehen ihre Bahnen, bevor die Lebewesen nach und nach die Erde bevölkern.

Auch bei dem mittlerweile dritten großen Community Dance in der Kampa-Halle sind die Ideen des Choreografen Miguel Angel Zermeño noch nicht ausgeschöpft. Die vielen kleinen Lichter zu Beginn sind eine von zahlreichen überzeugenden und überraschenden Regie-Einfällen. Die zentrale und tragende Idee aber ist, den Akt der Schöpfung als künstlerischen Schöpfungsakt direkt in das Bühnengeschehen einzubinden.

Die sechs Malerinnen stechen mit ihren mit Farbe bekleckerten weißen Overalls aus der Menge der 150 in Schwarz und Weiß gekleideten Tänzer hervor. Aus der Mitte schreiten sie an den rechten Rand der Bühne, um dort ein Gerüst zu erklimmen, auf dem ihr Arbeitsplatz eingerichtet ist. Eine nach der anderen gestaltet zum jeweiligen Schöpfungstag ein Bild, das von einer Videokamera eingefangen und gelegentlich mitten auf die Bühne oder auf die Tänzer projiziert wird.

Zu den optisch besonders eindrucksvollen Szenen gehört auch die, in der die Planeten umeinander kreisen. Hier fällt auch die Lichtregie von Mariella von Vequel-Westernach ins Auge, die auch die Mindener Inszenierung von "Tristan und Isolde" im vergangenen Herbst ins rechte Licht gerückt hatte. Bildhaft dargestellt auch das sprießende Gras - die in grünes Licht getauchten sich langsam empor windenden Arme der liegenden Tänzer.

Die Schüler treten in immer neuen Formationen auf, mal als große Gruppe, mal als Individuum. Sie alle sind hoch konzentriert, machen ihre Sache gut. Immer wieder können die Zuschauer ein strahlendes Lächeln auf den Gesichtern bemerken. Die Freude ist sichtbar. Offenbar wird aber auch immer wieder das Manko dieser Halle - die sehr breite Bühne, auf der einzelne Tänzer oft etwas verloren wirken.

Mit Ives Verbindung zur Gegenwart hergestellt

Als musikalischer Leiter führt Marienkantor Andreas Mitschke das Großaufgebot an Sängern und Musikern umsichtig durch beide Werke. Seine Idee war es, den dritten Teil von Haydns "Schöpfung" durch das moderne Werk "The unanswered question" von Charles Ives zu ersetzen und damit die Verbindung zur problematischen Gegenwart herzustellen. Auch der musikalische Part wird von Chor und Orchester überzeugend umgesetzt. Die Solopartien gestalten Anna Kellnhofer (Sopran), Manuel König (Tenor) und Raimund Nolte (Bariton) mit klarer Diktion.

Rundum also eine stimmige Aufführung, die vom Publikum mit minutenlangem und schließlich stehend gespendetem Beifall belohnt wird.